Samstag, 3. Mai 2014

THE SPRINGFIELD FILES (TEIL 1)

Written by: Reid Harrison
Directed by: Steven Dean Moore

Episode: 3G01
Original Airdate: January 12th 1997

Tafelgag: The truth is not out there.

Hier soll nun lediglich die erste Szene analysiert werden, da diese bereits eine Vielzahl philosophischer Auslegungen zulässt und noch dazu von der Darstellung einige interessante Facetten aufweist.

Die Episode beginnt mit, dem am Schreibtisch in einem dunklen Studierzimmer sitzenden, Leonard Nimoy, während ein Spotlight auf ihn gerichtet wird. So spricht er nun die Worte:

"Hello. I'm Leonard Nimoy. The following tale of alien encounters is true. And by true, I mean false. It's all lies. But they're entertaining lies. And in the end, isn't that the real truth? The answer is: No."

In dem Tafelgag der Episode, welche eine Negation des Akte-X Slogans "The truth is out there" ist, schallt schon die Postmoderne mit der Relativierung der Wahrheit mit. Dies bedeutet, dass es keine essentielle Wahrheit gibt. (Wir werden innerhalb der nächsten Analysen noch viele weitere Merkmale der Postmoderne [vor allem mit Verweis auf Lyotard] herausfiltern, besonders bedingt durch die Intertextualität und die selbstreferentielle Ironie)

Nimoy postuliert hier, dass die folgende Geschichte "wahr" sei und mit "wahr" meint er "falsch" = "Es sind alles Lügen". Damit sind wir im Bilde. Wir werden demnach eine fiktive/erfundene Erzählung hören, das ist eigentlich in soweit klar, denn es handelt sich um eine Zeichentrick-Serie, an dessen erfundener Struktur zweifeln wir nicht. Dennoch wird hier explizit darauf hingewiesen - ein Akt der Selbstreferenz. In Verbindung damit schallt das "Es muss wahr sein, denn ich habe es im TV gesehen" ("enternaining lies") mit. Wir befinden uns hier im einen Grenzbereich, der sowohl "wahr" sein kann, denn die Geschichte, wie sie sich abspielt ist "wahr", also einer Tatsache unterlegen, nämlich jener das wir die Episode gerade anschauen - sie existiert also und ist wirklich, aber auch "falsch" sein kann, denn die Geschichte innerhalb der Simpsonswelt ist scheinbar erlogen, sie spielte sich, laut Nimoys Einleitung, nicht so ab.

Auch der Aufbau suggeriert und dies. Wir befinden uns in diesem Studierzimmer, welches den Charme des alten Erzählers mit sich bringt. Es erinnert an Nimoys Auftritte in der Dokumentarreihe "In Search of...", welche sich auf die Suche nach mysteriösen und übernatürlichen Phänomenen machte - so sind wir auf die folgenden 20 Minuten gut vorbereitet. Der Sprung in den Erzählverlauf der Episode wird durch ein Buch herbeigeführt - einem alten staubigen Buch - welches die Form eines Märchenbuchs hat.

Soweit so gut. Schauen wir auf den weiteren Satzverlauf. Es ist die Rede von "entertaining lies" und ob diese nicht "the real truth" sind, was gleich von Nimoy selbst mit einem "No" beantwortet wird.

Puh. Wir werden hier oft in die irre geführt, mit einigen Absurditäten. Machen wir einen kurzen Exkurs, der für diese Szene interessant sein kann:

Leonard Nimoy ist hauptsächlich bekannt für die Figur des Mr. Spock, auch aus diesem Grund, da er von einem anderen Planeten stammt, ist er hier ein Teil der Episode. Wenn man sich einige Star Trek Episoden ansieht, merkt man schnell, dass er eigentlich gar nicht der Logiker ist, als der er immer hingestellt wird. Die Verwendung des Begriffs "logical" (logisch) bei ihm, kann oft durch ein "reasonable" (vertretbar/begründet) ersetzt werden. Dieser Logik-Diskurs muss hier mit beachtet werden. Ist denn Nimoys Einleitung "logisch"? Oder lediglich "vertretbar"?

In der Episode "Way to Eden" spricht Mr. Spock einen Satz, der in Bezug auf die fiktionale Ebene und die Folge recht passend angebracht werden kann: "Many myths are based on truth". Ein weiteres Zitat, das herangezogen wird ist sicherlich jenes aus "Amok Time": "It is not logical, but it is often true.". Wir befinden uns nun im Bereich der Aussagenlogik.

Nach der klassischen Logik ist eine Aussage (hier "...is true. And by true, I mean false.") ein sprachliches Gebilde, von dem es sinnvoll ist zu sagen, dass es wahr oder falsch sei (Nur eines von beiden). Nehmen wir an, es ist alles wahr: Wenn er mit "true" "false" meint, so müsste auch "the real truth" die Falschheit beinhalten. Da wären wir wieder bei dem Fehlen einer allgemeinen Wahrheit. Und dennoch spielt in den Folgeminuten durch die Platzierung von Scully und Mulder, die X-Files Doktrin "The truth is out there" eine Rolle. Schauen wir was passiert, wenn alles als eine Falschaussage gewertet wird: Wir befinden uns dann in einem Bereich der keinen Sinn ergibt, da in der Film- und Theaterwissenschaft davon ausgegangen werden muss, dass alles was gesagt wird "wahr" ist - demnach wenn Nimoy sagt "wahr" bedeutet "falsch" so ist dies so, denn wir haben für diesen Bereich den die Simpsons einnehmen, diese fiktive Welt, keine Referenzmöglichkeiten.

Wir sind also in der Absurdität angelangt - weit weg vom Bereich der Logik. Das ist der entsprechende Witz in dieser kleinen Sequenz, den man sicherlich auch kürzer auf den Punkt bringen kann, aber hier wird die Tragweite deutlich.

Schauen wir uns noch einmal die Szenerie an: Es wird eine kleine Blume eingeblendet, die dann erst zum Spotlight wird. "Logic is a wreath of pretty flowers that smell bad." hieß es von Mr. Sprock einmal. Neben ihm steht ein Totenkopf - dieses Symbol ist nahezu immer auch mit dem auf dem Friedhof stehenden Hamlet und seinem Logik-Dilemma "to be or not to be" verknüpft.

Wir sehen, sowohl in der bildlichen Darstellung (der Sci-Fi-Doku-Charakter von "In Search of...", Hamlet, der Erzähler, das Märchenbuch) und in der textlichen Ebene (die Umdeutung von Worten, der unlogische Satzaufbau, die Selbstreferenz) um einen Logikdiskurs handelt, sowohl im Bezug auf unsere Wahrnehmung("ist es denn nicht wahr, was wir gleich sehen werden? also sehe ich es nicht?") als auch im Abstecken des Rahmens der Handlung.

Eine Anmerkung sei hier noch gemacht, denn die Einleitung und der Bezug, nämlich das Akte-X Episodenthema, kann natürlich auch noch durch das "I want to believe" erweitert werden. Man will es glauben.

Letztlich erweist sich Nimoy selbst als der Zerstörer seiner eigenen Aussage, in dem er am Ende der Episode, bei der Enthüllung des "Aliens" als Mr. Burns, auftritt. Weshalb sollte eine Geschichte erfunden sein, in der seine Rolle als Erzähler, nie einen Bezug auf seine Anwesenheit nimmt. Somit ist er auch nicht real (abgesehen davon, dass er eine Zeichentrickfigur ist). Es mutet fast so an, als tauche er in das Geschehen ein, sobald sie den Charakter des Übernatürlichen und Mystischen verliert. Aus der erfundenden Geschichte wird demnach eine im Simpson-Kontext wahrhaftige Erzählung.

Zu der Ezählperspektive und was diese für Überraschungen offenhält werden wir in einem späteren Teil kommen.

Ich habe jetzt hier im ersten Teil auch auf die Ausweitung der Massenmedienkritik, durch das Eingangs erwähnte "Es muss wahr sein, denn es ist im TV" verzichtet. Anzumerken sei lediglich noch der Faktor der Kurzweiligkeit in den Medien, die Aufmerksamkeit kann nur noch über kurze Zeitspannen aufrecht erhalten werden, die ständige Referenz an den jeweils vorangegangen Satz, den Nimoy sagt, ist eine Parodie dessen.